
Christrose, Helleborus niger L. Photo Agnes Speidel
Eine eigenwillige Pflanze
Eine immergrüne Blütenpflanze. Sie blüht im Winter, im Gegensatz zum Rhythmus der Natur um sie herum, bei der der Winter eine Zeit des Rückzugs ist.
Damit sie Samen bilden kann, können die Blüten sich selbst befruchten. Sie bieten aber auch ersten Bienen schon Nahrung.
Bemerkenswert ist ihre Blüte, diese weiße Tellerblüte, so wie andere Pflanzen der Ranunculaceen, der Hahnenfußgewächse auch außergewöhnliche Blüten haben, z.B. der Rittersporn, die Akelei oder der Eisenhut.
Was wir für Blütenblätter halten würden, sind in Wirklichkeit Kelchblätter. Verblüht die Pflanze, bleiben die scheinbaren Blütenblätter erhalten und werden grün. Die Samenstände entwickeln sich und kommen dekorativ zur Geltung.
Christrosen brauchen Platz. In unmittelbarer Nachbarschaft können nur andere Christrosen wachsen.
Namen und ihre Bedeutung
Christrose:
Jemand ist auf dem Weg, das neugeborene Kind, den Heiland, den Christus, zu besuchen. Einige berichten von einem Hirten, andere von einem Mädchen.
„ Ich habe nichts zum mitbringen!“
Bei dieser Erkenntnis fielen bittere Tränen auf die Erde.
Da wuchs eine Pflanze.
Dunkelgrün und wie eine Hand waren ihre Blätter, leuchtend weiß mit gelben Staubgefäßen ihre Blüten.
Dankbare Hände pflückten einen Blumenstrauß und brachten die Blumen dem Kindlein.
Seitdem heißt die Pflanze Christrose: Blumen für Christus, die seitdem am Fest seiner Geburt blühen.
Schneerose:
Die Blüten sind weiß wie Schnee. Sie wächst und blüht auch bei Schnee.
Schwarze Nieswurz, Helleborus niger L.
Nieswurz: Pulver der getrockneten Pflanze macht, dass man niesen muss. Denn die Inhaltsstoffe reizen die Schleimhäute. Niesen ist eine Möglichkeit auszuscheiden, was nicht zum Körper gehört. Böse Geister und Krankheiten ausniesen war früher eine Heilmethode, aber Vorsicht: Die Pflanze ist giftig! Das war schon in der Antike bekannt, weshalb Heilkundige sie mit Vorsicht und Respekt anwendeten.
Auch als Brechmittel wurde die Pflanze verwendet.
Schwarz ist ihr Wurzelstock, der die meisten Inhaltsstoffe enthält.
Helleborus bedeutet Nieswurz
Niger heißt übersetzt schwarz
L. steht für Carl von Linne, der als erster die Pflanze wissenschaftlich beschrieben hat.
Inhaltstoffe, Wirkung
Hellborin, Hellebrin sind Glycoside.
Helleborin ist ein starkes Narkotikum.
Hellebrin hat digitaloide, narkotisierende Eigenschaften. Antikarzimatöse Wirkungen werden erforscht. Hellebrin ist mit Bufadienolid, dem Krötengift verwandt. Im Mittelalter glaubte man, dass Kröten ihr Gift von der Christrose bekämen, weil man sie oft unter Christrosen fand.
Ecdyson
Saponine
Protanemonin: die frische Wurzel erzeugt Rötungen und Blasen auf der Haut. Die Substanz ist auch im Blasenkäfer, Cantharis, enthalten (-> Cantharidenpflaster zum Ausleiten von Entzündungen, akut homöopathisch bei Verbrennungen und Blasenentzündung).
Vergiftungssymptome (bei großen Dosen):
Magendarmentzündung
Schwindel
Schmerzhafte Spasmen
Starkes Erbrechen
Darmentleerung
Herzinsuffiziens
Dilatierung der Pupillen
Durst mit Hitze im Abdomen
Kalter Schweiß
Konvulsionen
Tod durch Spasmen und Erschöpfung
Anwendung der Droge
Die Christrose wurde hauptsächlich in der Antike und der mittelalterlichen Volksmedizin angewandt:
Ausniesen von Krankheiten
Brechmittel
Aufguss der Wurzel im Mittelalter bei Hysterie, Epilepsie, Melancholie, Menstruationsstörungen, Obstipation, Leberstörungen, Gelbsucht, Hydrops, Gicht, Rheumatismus
Anwendung in Hexensalben
Das Pulver vor den Füßen auf den Weg gestreut soll unsichtbar machen.
Erforschung über Wirksamkeit in der Krebstherapie
Homöopathische Anwendung (begleitend zur fachärztlichen Behandlung)
1. Abgeleitet von den Wirkungen der Inhaltsstoffe
Gemäß den Lehrsätzen der Homöopathie kann das Arzneimittel beim Kranken heilen, was es beim Gesunden an Krankheitssymptomen auslöst (Chinarindenversuch Hahnemanns)
Entsprechend der narkotisierenden Wirkung der Inhaltsstoffe Hellborin und Hellebrin hat das Mittel den Schwerpunkt
Gemüt, Gehirn, Sensorium
• Gleichgültigkeit, geistige Trägheit, langsam und vergesslich
• Muss sich auf alles, was er tut, konzentrieren. Muskeln funktionieren nicht, wenn keine Konzentration auf die Bewegung da ist. Taumeln bei unaufmerksamen gehen
• Traurigkeit und Verzweiflung
• Gefühl der Hilflosigkeit
• Schwindel
• Gehirnerschütterung, allg, Verschlechterung nach einer Kopfverletzung
• Epilepsie, Konvulsionen. Geräusche bringen den Anfall zum Stillstand
• Wandernde Schmerzen
• Unbeholfenheit
Die Christrose blüht, wenn die Tage am kürzesten sind, sie ist leuchtend weiß, daher
Thema Dunkelheit
Die Christrose blüht im Kalten , daher
Thema Frost, Kälte
• Kalte Luft, Kälte des Körpers verschlechtern das Befinden
• Verlangen nach kalten Getränken
Thema Durst
• Abneigung zu trinken im Wechsel mit Durst
Die phytotherapeutische Anwendung als Brechmittel findet ihre Entsprechung in Magen
• Abneigung zu essen, Übelkeit bzw. Völlegefühl und Heißhunger
Raum voller Menschen verschlechtert
2. Die Empfindungsmethode
Rajan Sankaran und Jan Scholten entwickelten die homöopathische Anamnese weiter. Die Art des Erlebens wird in der Anamnese erfragt und gibt zusätzlich Klarheit in der Mittelfindung, weil Mittelgruppen eingegrenzt werden können.
Ich möchte unter dem Aspekt der Empfindungsmethode nach Rajan Sankaran das homöopathische Mittel Helleborus niger beschreiben.
Christrosenmenschen leben in sich zurückgezogen. Sie erleben ein „Innen drin sein“, spüren ein außen, z.B. mit ihrer Sensibilität, aber zwischen innen und außen gibt es keine Verbindung. Innen und Außen sind zwei von einander unabhängige Welten. Dieses Erleben beschreiben z.B. alle Ranunculaceen-Arten, auch die Mohngewächse, die Muscheln, das Element Lithium.
Die Christrose ist eine Pflanze. Menschen, die ein pflanzliches Arzneimittel brauchen, erzählen z.B. ich fühle mich hilflos.
Tierische Konstitutionen sprechen: Jemand macht mich hilflos. Es geht um Konkurrenz, Angreifer, Unterlegen, Sexualität, ich und die anderen.
Mineralische Konstitutionen sagen: Mir fehlt Hilfe, ich brauche Hilfe, Unterstützung, weil ich etwas nicht habe, nicht kann.
Die Christrose gehört zu den Ranunculaceen, den Hahnenfußgewächsen.
Jede Pflanzenfamilie hat ein besonderes Empfindungsmuster.
Den Beschwerden der Ranunculaceen liegen Entrüstung, Empörung,
Kränkung, Demütigung, stiller Kummer, Ärger mit stillem Kummer, Zorn
zugrunde. Das kommt im Gespräch zum Ausdruck.
Das 4. Thema, das zur Eingrenzung von Mittelgruppen beiträgt, ist das Miasma.
Nach Sankaran, 2006, beschreibt das Miasma, wie tief und wie akut das Problem
empfunden wird. Das Miasma beschreibt die Dynamik der Empfindung:
Helleborus niger Menschen empfinden ihr Problem als sehr schwer, aber
mit Hilfe lösbar. Es handelt sich um das Typhus-Miasma (Typhus ist eine sehr
schwere, lebensgefährliche Infektionskrankheit, die mit ärztlicher Hilfe
überstanden wird).
Zusammenfassung:
Helleborus niger L., die Christrose, Schneerose, Schwarze Nieswurz ist seit der Antike als Heilpflanze bekannt, deren Giftigkeit von den Heilkundigen berücksichtigt werden muss. Ihre Heilwirkung wurde vor allem über das Ausniesen bzw, Erbrechen von Krankmachendem erreicht.
Die Christrose hat auch einen Platz in der modernen Arzneimittelforschung. Ähnlich der Mistel wird erforscht, inwieweit sie in der Krebstherapie eingesetzt werden kann.
Homöopathisch lässt sich ihre Wirkung als Lichtbringer bei neuronalen Beschwerden zusammenfassen.
Der Blogartikel gibt am Beispiel der Christrose eine Zusammenfassung homöopathischer Anamnesetechnik und den Möglichkeiten, ein Beschwerdebild ganzheitlich zu erfassen. Die Anamnese ist dadurch ein Baustein der Heilkunde, weil der Patient sich seiner Beschwerden bewusst wird. Das „Wie“ und „Was“ wird bewusst und kann bearbeitet werden.
Literatur
Furlenmeier, Martin, 1978: Wunderwelt der Heilpflanzen. Eltville am Rhein
Hiller, Karl, Melzig, Matthias F., 2006: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. 1. Band, Erftstadt
Oberdorfer, Erich, 1979: Pflanzensoziologische Exkursionsflora. Stuttgart
Sankaran, Rajan, 2006: Sankarans Tabellen. Mumbai, India
Sankaran, Rajan, Petri, Sandra, 2011: Sankarans Pflanzenempfinden in Bildern. Mumbai, India
Sankaran, Rajan, 2023: Schema 2.0. Mumbai, India
Vermeulen, Franz, 2006: Prisma. Das Arcanum der Materia medica ans Licht gebracht. Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen Substanz und Arzneimittel. Haarlem, Holland
https://de.wikipedia.org/wiki/Schneerose
https://www.carstens-stiftung.de/artikel/die-heilkraft-der-christrose.html
https://www.weils-hilft.de/integrative-medizin/die-christrose-ist-eine-giftige-heilerin
https://www.helleborus.de/pflanzenwissen/kurioses-sagenhaftes

